Mein Lebensbekenntnis 

Das Leben kann ein willkürliches Biest sein. Ein schrecklich wilder Stier. Oft überrennt es einem und man weiss nicht, wie man sich je wieder vom Asphalt schälen wird. Die Hörner hinterlassen Wunden, die Hufe zertrampeln die Hoffnung, die wilden Augen machen Angst und das Schnauben lassen einem glauben, dass es nie mehr sicher ist.

Ich aber stehe auf.

Ich kratze alles, was zu mir gehört, wieder auf. Und alles was gar nie zu mir gehört hatte, lass ich genau da kleben - auf diesem Stück Asphalt.

Dann schau ich die Wunden an, verbinde sie. Es ist mir klar, dass die tiefen Wunden nicht so schnell wieder heil werden. Ich mach mir auch klar, dass die blauen Flecken bald wieder in Ordnung sein werden.

Und dann fixiere ich mit meinen Augen die Augen des Stieres.

Der soll mich anblicken!

Der soll sehen, wen er da gerade klein getrampelt hat.

Dann geh ich bestimmt und ruhig auf das Biest zu.

Ich pack es bei seinen mächtigen Hörnern.

Und dann schaue ich ihm tief in seine schwarzen Augen und schnaube den an - bis der kapiert:

DIE wird mit mir fertig!

Nicht weil ich stärker bin.

Nicht weil ich so schlimme Hörner hätte.

Nicht weil ich so viel Schaden anrichten kann mit meinem Getrampel.

Sondern WEIL das MEIN Leben ist.

UND nicht einmal das miesgelaunte Biest kann etwas dagegen machen.

Und weil ich weiss, dass ich die Kraft nicht alleine aufbringen muss, dieses willkürlich' Ding zu zähmen.

Auch muss ich nicht alleine genesen.

Ich habe mir DEN zur Wirbelsäule gemacht, der den Tod besiegt hat, allen Schmerz getragen hat und alles Leid zu seinem Leid gemacht hat, um mit mir in Beziehung zu sein.

Und ich preise Gott! für jeden Tag, an dem dieser wilde Stier namens Leben gelassen in der Sonne auf der Wiese grast.

 

5. Dezember 2017